Leserbrief/ offener Brief zum Interview mit dem Kreisvorsitzenden von VERDI und der DGB Sekretärin in der Region unter der Überschrift: „Ich bin froh, dass ich kein Politiker bin“ zum Thema „Arbeit in der Pandemie“ in der Neckarquelle / SWP vom  23.01.2021

Gespannt haben wir, ein paar Aktive der „Initiative Solidarität leben VS“, zu lesen angefangen und gedacht, hier geht es um die Nöte der VerkäuferInnen, beim Discounter, im Handel mit 70 Prozent Kurzarbeitsgeld und Angst um den Job, um die KollegInnen in Pflegeheimen und privatisierten Kliniken, um die MetallerInnen im Arbeitskampf mit den Metallarbeitgebern, die die Krise, die Sorgen der KollegInnen um ihren Job für sich zu nutzen versuchen.

Leider war das weit gefehlt, der Kollege von Verdi und die Kollegin vom DGB sind brav auf die -recht offenen- Fragen der Neckarquelle eingegangen, die Probleme und Kämpfe der KollegInnen wurden aber kaum zum Thema.

Sicher sind auch Solo-Selbstständige, Kleingewerbetreibende, Kulturschaffende in ihrer Existenz bedroht und stehen mit dem Rücken zur Wand wie der Kollege erwähnte. Nicht nur die eigene alltägliche Existenz, sondern auch Ladenmieten, Abschlagszahlungen für Strom und Wasser werden weiter eingefordert, während die Überbrückungshilfen auf sich warten lassen. So weit, so schlecht.

Wenn aber den beiden interviewten GewerkschaftsfunktionärInnen dann beim Thema Home Office nicht auch einfällt, dass trotz der Pandemie viele ArbeiterInnen und Angestellte mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder in Fahrgemeinschaften ohne Abstand zur Arbeit, in die Produktion oder in Verteilzentren müssen, KollegInnen verschiedener Nationalitäten auf Großbaustellen spätestens am Feierabend sich in Gemeinschafts- oder Containerunterkünften wiederfinden, unabhängig davon wie sich die Ansteckungsraten des Virus entwickeln, „Kontaktvermeidung“ zum reinen Privatvergnügen bzw. individueller Verantwortung wird, dann fehlt wesentliches.

Es fehlt auch, dass gerade Frauen den Spagat zwischen Home-Office, Kinderbetreuung und gewöhnlicher geschlechtsspezifischer Hausarbeit leisten und ans Limit kommen oder die Verdi-Kollegin, die in „Pendelquarantäne“ arbeiten geht, während manche Reiche sich in St. Moritz in 5 Sterne Quarantäne wiederfinden.

Da sind die Lasten der Pandemie doch ziemlich ungleich verteilt. Richtig ärgerlich wird es aber, wenn der Verdi-Kreisvorsitzende kein Wort darüber verliert, dass viele KollegInnen in privaten Pflegeheimen und Kliniken, die ordentlich Rendite abwerfen sollen für die Aktionäre, oder im Rettungsdienst wie beim DRK weiter schlecht bezahlt Großes leisten. Der Tarifabschluss im Öffentlichen Dienst, der Pflegebonus, ist bei vielen KollegInnen immer noch nicht angekommen. Um dafür mit den Angestellten zu kämpfen, braucht es allerdings starke Gewerkschaften und kein rückwärtsgewandtes Lamento.

Und dann sind wir auch schon bei der Krise in der Automobilindustrie und dem was da auf uns in der Region mit den zahlreichen Zulieferern auf uns zukommt. Die kurzfristigen Profitinteressen von Großaktionären und ihren Vorständen in der Automobilindustrie, die sich am besten mit dicken, schweren, resourcenfressenden SUV’s realisieren ließen und den technischen und gesellschaftlichen Fortschritt getrost hinten an gestellt haben, sind die eigentliche Ursache der -von der Pandemie zusätzlich gepushten- Überproduktions- und Strukturkrise der Automobilindustrie und den davon abhängigen Zuliefererbetrieben. Die Frage ist doch, wer bestimmt, was und wie produziert wird. Und so brauchen sich manche Gewerkschaftsfunktionäre, die im sozialpartnerschaftlichen Glauben das Kämpfen mit und für die KollegInnen verlernt haben, nicht wundern, wenn die Mitglieder abhandenkommen und sie angesichts der enger werdenden Verteilungskämpfe den KollegInnen wenig bieten können.

Früher war nicht alles besser, weder der Verbrennungsmotor (mit seinen Kolben), noch das beschauliche Erste-Mai-Fest, noch die bürgerlichen Parteien „der Mitte“ mit Hartz IV als Drohung für die einen und als Realität für die Anderen. Es gibt eben doch den Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit. Und spätestens jetzt, in der Pandemie, geht es darum, wer für die Krise bezahlt, der gesellschaftlich erwirtschaftete Reichtum ist da, nur wer verfügt darüber.

Was wir brauchen ist eine gewerkschaftliche Perspektive und diese kann ganz praktisch mit einer kämpferischen 1. Mai Demonstration beginnen und mit einem gemeinsamen solidarischen Maifest weitergehen. Auch in Zeiten der Pandemie werden wir das verantwortungsvoll erreichen können.